Virya - Schöne Grüße vom Rand...

Es gibt so Momente... die bringen uns an den Rand. Den Rand unserer Geduld, unserer Fähigkeiten, unserer Liebe, unserer Bereitschaft uns einzulassen, weiter zu machen, dabei zu bleiben..... Der Rand, der ein Umkehrpunkt, ein Scheitern sein kann... sei es im Beruf, in der Familie, in der Gesundheit, in der Partnerschaft. Immer und immer wieder. Es ist ein sehr unangenehmer Punkt. Einer, an dem wir eigentlich gar nicht sein wollen, nie hinwollten und für den wir doch so arg meditieren. Ein Punkt der so verdammt brennt, in dem wir entweder flüchten oder draufschlagen möchten, hauptsache es geht weg und alles ist wieder gut. Da steckt die Angst, da steckt die Wut, die Traurigkeit und eine kräftige Mischung aus all dem. Für jeden ist es ein anderer Auslöser, der diesen Punkt berühren kann. Auch ich habe diese Momente... ja sogar jetzt mal wieder, darum schreibe ich diesen Text. Ein Moment, in dem ich am liebsten gerade einfach alles hinschmeißen möchte und an der Sinnhaftigkeit meines Tuns und meinen Fähigkeiten zweifel...

 

In den 4 Grundlagen der Achtsamkeit, dem sogenannten Satipatthana-Sutra – der klassischen Lehrrede Buddhas über die Achtsamkeit, die der Achtsamkeitspraxis (z.B. dem MBSR) zugrunde liegt – wird ein wichtiger Aspekt benannt: Virya - die entschlossene Bündelung von ausgerichteter konzentrierter Praxisenergie, insbesondere dann wenn es schwierig wird. Virya wird auch oft übersetzt als Heldenmut, Tatkraft oder auch Entschlossenheit. Du weißt so gut wie ich, dass in der Meditation immer wieder Momente auftauchen, die unsere innere Entschlossenheit krass herausfordern, sei es klebrige oder faszinierende Gedankengänge, starke Emotionen oder einfach unser Unwillen heute zu praktizieren. Es ist so einfach, alten leiderzeugenden oder -aufrechterhaltenden Gewohnheiten zu folgen... es ist so schwer ihnen zu widerstehen. Mit jedem Moment des kraftvollen Widerstehens wenden wir Virya an. Es ist ein dreifaches Training, wir brauchen Virya um den Entschluss zu fassen zu widerstehen, wir stärke Virya in dem wir diesen Entschluss fassen und wir stärken Virya mit jedem Mal des erfolgreichen Widerstehens. Es braucht Mut - und hier kommt der Held ins Spiel - sich immer und immer wieder zu enthalten und gegen den starken Sog des leiderzeugenden gewohnten Verhaltens anzukämpfen. Wir wissen nicht immer, was sich daraus als nächstes ergibt. Es ist eine Praxis ins Ungewisse. Das Alte kennen wir, und Du weißt so gut wie ich, es gibt sehr viele Menschen, die lieber in alten leidvollen Strukturen verharren, weil sie Angst vor dem ungewissen Neuen haben.

 

Virya in der Meditation anzuwenden bezeichne ich persönlich als "Krieger-Sitzen". Stark inmitten der hoch aufschlagenden Wellen, inmitten der Gewohnheiten, inmitten von Chaos und dem allem nicht mehr zu folgen. Immer und immerwieder widerstehen, was immer dann kommt. Wir entsagen damit auch gewohnten Verhaltensweisen, die sich in unserer Familiendynamik oder der Gesellschaftsumgebung eingeschliffen haben und das kann jede Menge neue Probleme aufwerfen. Nicht immer sind wir danach sofort frei von Leid. Die Stressmomente, die unsere innere Veränderung aufwerfen, wenn wir nicht mehr in das alt hergebrachte passen, sind teilweise immens und nicht immer leicht aushaltbar. Hier kann einen wahrlich oft der Mut verlassen, nur all zu gut nachvollziehbar... doch es ist der Heilschmerz des Zwischenzustandes. Der Moment zwischen einem Ende und einem neuen Anfang... das Alte passt nicht mehr .... das Neue ist noch nicht da... wir sind unsicher. Das braucht Mut. Es ist als wären wir auf einer Wanderung durch unwegsames Gelände. Virya ist der Aspekt der uns hilft weiter zu machen und dem Licht entgegen zu gehen, auch wenn es immernoch stock finster ist.

 

Das üben wir jeden Tag in unserer Meditationspraxis auf dem Kissen. Dafür sind die Schwierigkeiten in der Praxis notwendig. Doch damit nicht genug, denn es geht ja nicht darum ein super kraftvoller Meditierender zu werden, sondern dadurch unsere innere Kraft auzubauen, mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen und auch hier weiter zu machen, Mut zu beweisen und die kraftvolle Energie aufzubringen unsere Verantwortlichkeiten und Gestaltungsspielräume zu erkennen und zu nutzen, auch wenn es nicht immer leicht ist. Und schwierig wird es immer dann, wenn wir auf Gegenwind stoßen... hier zeigt sich unsere Praxisfrucht... Das heißt nicht, dass wir durch alles mit wehenden Fahnen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht durchgehen. Nein. Die Kunst besteht genau darin in diesen Momenten, wo wir am Ende von unseren Fähigkeiten angekommen sind, sanft aber beharrlich weiter zu gehen, klug und weise... ohne dem Impuls von Angreifen und Flüchten blind zu folgen. Ja, natürlich, manchmal ist es wirklich sehr klug und weise mit etwas aufzuhören, sich zurück zu ziehen oder auch sich angemessen (wenn möglich) zu verteidigen. Doch in den meisten Fällen ist es nur eine Geschiche in unserem Kopf, die wir uns erzählen... ähnlich wie in der Meditation auf dem Kissen... der wir aufhören zu folgen und dann können wir oft wieder weitermachen....

 

Den Mut und die Kraft die wir in der Meditation trainieren brauchen wir im Leben, in diesen kritischen Grenzsituationen. Dafür praktizieren wir.

 

Schöne Grüße mal wieder vom Rand, an dem ich stehe und selbst auch gerade mal wieder meinen Mut und meine Energie zusammenkratze und weiter gehe... ohne genau zu wissen, was jetzt passiert....

 

Deine Maren

 

Institut für Achtsamkeit Düsseldorf

Maren Schneider • Bahlenstr. 42 • 40589 Düsseldorf

ImpressumDatenschutzAGBs

© Maren Schneider 2018