Fengshui radikal und Erinnerung an Lama Gendün Rinpoche

Maren Schneider

 

Manchmal ergibt sich aus einem großen empfundenen Verlust ein unschätzbar großes Geschenk. So ist es mir jedenfalls vor nun 20 Jahren ergangen. 1997 veränderte sich mein Leben so tiefgreifend, dass es alles, was heute ist, durchdringt. Um eine lange Geschichte zu kürzen: ich verliebte mich, doch leider hatten wir nicht viel Zeit, denn mein neuer Freund ging ins Kloster nach Frankreich und wurde Mönch. Anfänglich tief verletzt, traurig und verzweifelt spielte ich mit dem Gedanken Buddha pampig den Rücken zu kehren. Hatte er mir doch meinen Liebsten genommen. Doch es siegte die Neugier und eine innere Kraft, die ich nicht erklären kann. So machte ich mich kurzerhand auf die Socken und begleitete ihn ins Kloster.

 

Wir waren die Nacht durchgefahren, und als wir im Kloster ankamen war der Nebel so dicht, dass wir kaum erkannten, dass wir angekommen waren. Alles war in Aufruhr, da an dem Tag das traditionelle Dreijahres-Retreat (Meditations-Klausur) zuende ging und mehr als 1.500 Leute waren anwesend um die Retreatler zu begrüßen und den Zeremonien beizuwohnen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt weder etwas vom tibetischen Buddhismus groß mitbekommen, noch war ich Anhängerin von tibetischen Zeremonien geschweige denn langjährigen Zurückziehungen. Es war also sehr sehr befremdlich für mich. (Schau Dir das Video an, dann bekommst Du einen kleinen Eindruck und vielleicht entdeckst Du mich ja irgendwo :-) ). Nun bei aller Aufregung, Befremdlichkeit und Fluchtimpulsen, ich blieb. Wohnte den Zeremonien bei, bekam die ersten Erklärungen u.a. über das Loslassen und begann die Rituale und Meditationen zu lernen. Ehrlich, ich hab anfänglich echt nicht viel verstanden, aber irgendwie fühlte es sich richtig und gut an. Der Abschied von meinem Gefährten war trotzdem traurig. Doch es gab etwas tiefes neues, was sich in mir entwickelte. Denn dort begegnete ich Lama Gendün Rinpoche, einem verwirklichten buddhistischen Meditationsmeister und meinen heutigen Herzenslehrern. Es war ein Geschenk, dessen Tragweite nicht zu ermessen ist. Ohne lange zu suchen konnte ich bei gut ausgebildeten, sogar deutschsprachigen Lehrern lernen - die mir zu lieben Herzensfreunden wurden, hatte perfekte Bedingungen für die Meditationspraxis wie sie nur ganz selten anzutreffen sind und konnte ohne große Umwege den buddhistischen Weg studieren und praktizieren.

 

Die nun folgende Zeit war alles andere als romantisch. Ich meditierte, ging zu Kursen, organisierte mit drei Freunden eine buddistische Gruppe, fuhr immer wieder ins Kloster und absolvierte mehrwöchige Klausuren und versuchte im Alltag so viel wie möglich von dem umzusetzen, was ich lernte. Einfach war es nicht und zunehmend glich mein Leben eher einer Waschmaschine im Schleudergang, statt einem erhofften seeligen "Buddha-Himmel" - um es mal etwas klischeehaft auszudrücken. Es war schlicht anstrengend und so was von nicht heilig!!! Und ziemlich oft, hab ich an dem, was ich mir da eingebrockt hab gezweifelt. Aber Neugier, Zähigkeit und Mut siegten! Und zu guter letzt auch die wachsenden Erfahrungen von Ruhe und Gelassenheit, wenn sich die Dinge wieder ordneten. Ich lernte mich im freien Fall zunehmend zu entspannen und anzuerkennen, dass alles sich wandelt, so oder so - und das ganze nicht als theoretische Spielerei, sondern, weil sich mein ganzes Leben zerlegt hat, bis alles weggebrochen und heute vollkommen anders sind. Sozusagen Fengshui radikal. Du weißt so gut wie ich, dass die Prozesse manchmal schmerzvoll sind, altes überholtes gehen zu lassen, und wirklich Verantwortung für das eigene Fühlen, Denken und Handeln zu übernehmen, wirklich hinzuschauen und nicht mehr einfach so abzuhauen, wenn es mal haarig wird. Nun, viel unermesslich Gutes ist daraus erwachsen. Einige von Euch kennen den ganzen Weg. Danke von Herzen für Eure geduldige Begleitung!


Gendün Rinpoche hatte die Zeremonien geleitet, den neugebauten Tempel eröffnet und die Retreatler sowie alle 1.500 Gäste gesegnet. Es war das letzte Mal, dass er öffentlich zu erleben war. Sein Lebenswerk war vollbracht und so ist er am Abend des 31. Oktober 1997 gestorben. Ich werde diese Nacht und den darauf folgenden Morgen nicht vergessen. Am Morgen seines Todes war ein strahlender klarer Tag und trotz des eigentlich traurigen Momentes eine unglaublich freud- und energievolle Stimmung, so als hätte er all seinen Segen auf uns alle übertragen. Wer mich kennt weiß, dass ich ein durch und durch pragmatischer bodenständiger Mensch bin und doch kann ich für mich sagen, dass es sich zutiefst segenvoll, freudvoll, klärend und bewegend angefühlt hat. Ich bin dankbar diesem Meister noch lebend begegnet zu sein. Er scheint noch heute in jedem seiner Schüler durch und seine Aktivität überdauert seinen Tod.

 

Seit einigen Jahren nun bin ich selbst Lehrer, begleite Menschen auf ihren individuellen meditativen Pfaden, teile mit ihnen die Worte und Empfehlungen Buddhas. Für mich ist es nach wie vor ein Wunder und ein unschätzbares Geschenk, was ich mit Worten nicht auszudrücken vermag. Denn was immer ich weitergebe, hat seine Wurzeln in den Erklärungen von Gendün Rinpoche und seinen Schülern, meinen heutigen Lehrern. Morgen geht es wieder ins Kloster, zwar ein anderes doch das macht nichts, denn ich weiß, während wir dort sitzen, gemeinsam praktizieren und schweigen, werde ich mich an ihn erinnern und der Geist von Gendün Rinpoche ist da.

 

Wenn Ihr möchtet, schaut Euch dieses Video an. Es gibt einen schönen Eindruck in Gendün Rinpoches Wirken und Sein :-). Möge es Euch inspirieren. 

Von ganzem Herzen viel Segen für Euch,

Eure Maren

 

 

Und hier die Webseite des Klosters in Frankreich:
http://www.dhagpo-kundreul.org/index.php/en/