Da sein, wo immer Du bist - Praxis im Alltag

 

Ich sitze am Fenster und.... tue nichts. Ich guck nur raus. Ungefähr eine Stunde lang. Vor mir der Himmel, die Bäume. Manchmal regnet es. Blätter fallen oder wachsen. Eichhörnchen rennen über ihre Astschnellwege. Alles kommt, alles geht. Alles ist permanent in Bewegung. Kein Morgen gleicht dem nächsten. Kein Moment gleicht dem anderen. Menschen gehen mit Hunden gassi. Ich sitze. Schaue nur zu. Registriere und lass es passieren - vorbeiziehen. Moment für Moment aktualisiert sich neu. Ich sitze nur in meinem Sessel. Bin einfach da - mehr nicht.

 

Immer wieder werde ich gefragt wie man eine stabile Alltagspraxis etablieren könne. Ideen von Zeiträumen und Übungsabfolgen, von was man soll und was gute Praxis beinhalten sollte, damit man "weiterkommt" auf dem spirituellen Pfad. Praktizierende untereinander vergleichen ihre Meditationszeiten und manchmal sogar subtil plakativ ihre "Erfolge". Ganz schön viel Druck baut sich auf für etwas, was sich erst völlig drucklos in seiner ganzen entspannten natürlichen Soheit wirklich entfaltet.

 

Praxis im Alltag wird oft unterschätzt. Höher angesiedelt scheint die sogenannte reglementierte "formale" Übungspraxis der Meditation. Und wer dazu keine Zeit hat, der fühlt sich schnell wie ein Meditations-Looser. Schafft es vielleicht für eine gewisse Zeit, weil das Leben gerade etwas Freiraum geschenkt hat oder weil man gerade stark in der Eigenmotivation ist... doch dann verändert sich wieder alles. Das Leben, wir, die Arbeit. Die Formale Praxis wird erst verschoben... dann ganz eingestellt und die Hürde des schlechten Gewissens und des eigenen Anspruchs, deren Stimme sagt: "wenn dann richtig, sonst brauchst du gar nicht erst anzufangen", ist hoch.

 

Doch alles hat seine Zeit. Wir dürfen ruhigt abweichen. Wir können völlig "unheilige" Gegebenheiten als Praxis nutzen. Wenn wir uns klar machen, dass Meditation ein künstlich geschaffener Rahmen ist, um uns Menschen an einen - für viele verlernten - geistigen Zustand der absichtslosen, offenen, entspannten und wachen Präsenz wieder anzunähern, so ist es nicht mehr abwegig Situationen im Leben zu nutzen, die uns diesen Zustand aus sich heraus schon ermöglichen können. Ein Moment der Pause im Sessel, beim Gassigehen den Regen bewusst und ohne Widerwille spüren, dem Kind liebevoll und bewusst eine Geschichte vorlesen oder den Müll raus bringen, ein Brot schmieren, Essen, Liebe machen, einkaufen, parken... Es ist ganz gleich, was wir tun. Entscheidend ist für unsere Übungspraxis nur unsere inner Ausrichtung und dem Wunsch nachzugehen, die gegenwärtige Situation in ihrer vollen Gegenwärtigkeit auch zu leben und als LehrmeisterIn anzunehmen. Das Meditationskissen ist nur ein Rahmen, der Alltag ebenfalls. Unser Alltag unser Leben ist das, was uns die volle Übungserfahrung ebenfalls sehr authentisch im echten Geschmack offenbaren kann. Selbst wenn sich gerade unser Leben als schwierig oder herausfordernd darstellt. Alle unsere Knöpfe gedrückt werden... das ist ein Praxis-Moment - Praxis bedeutet Übung. Wir brauchen keine perfekten Buddhas sein und alles im Griff haben. Wir haben nicht "geloost", wenn wir trotz achtsamer Schnappatmung gerade austicken oder den Boden unter uns verlieren, traurig oder wütend sind. Wir üben und zum Üben gehört der volle Geschmack der Erfahrung. Es bedeutet einfach alles zu leben - uns davon nicht mehr so stark beeindrucken zu lassen. Es bedeutet auch nicht immer zu allem Ja und Amen zu sagen oder milde zu lächeln. Es kann auch bedeuten, sehr klar und präzise Stellung zu nehmen, Nein zu sagen, oder jemandem bewusst das Geschenk der Zuwendung zu machen, der gerade in sich so gefangen ist, dass er nicht den ersten Schritt gehen kann, selbst wenn es jetzt eigentlich seine/ihre Aufgabe wäre. Achtsamkeit beinhaltet Mitgefühl und Weisheit - für sich selbst und für andere. Praxis kann bedeuten mitten in einem Streit den Schmerz des anderen mit zu fühlen und statt kluge Argumente, eine Umarmung zu schenken.

 

Es geht in der Praxis nicht nur ums Atmen. Die bewusste Fokussierung auf den Atem kann uns helfen uns zu zentrieren, löst uns heraus aus unsererm Festgefahrensein. Aber er nimmt uns nicht ab unser Leben klar und bewusst, mitfühlend und weise zu leben. Weisheit entsteht durch Erfahrung, durch selbst erfahren - nicht durch das Lesen eines oder mehrerer kluger Bücher. Formale Meditation kann uns sehr unterstützen im Alltag präsent zu sein und die Situationen als Praxis zu durchleben. Doch sie ist nicht das allein selig machende - und schon gar nicht für alle.

 

Von daher möchte ich Dich wirklich ermutigen, finde Deinen eigenen Weg. Wenn das bedeutet, du sitzt jeden Morgen am Fenster (Zeitraum egal) und bist ganz bewusst in der sich dir kredenzenden Vergänglichkeit, dann tu das. Wenn du deinen ganzen Alltag oder immer wieder kleine Situationen bewusst als Übungssequenzen nutzt, die Nerven zu bewahren, da zu sein, wo du bist, deiner Welt Deine Liebe und Aufmerksamkeit schenkst, dann mach das. Wenn Du formal sitzen möchtest (ob kurz oder lang - ist völlig gleich), dann mach das! Wenn du mal dem einen und am anderen Tag dem anderen Praxisweg mehr Gewichtung gibst, ist das völlig in Ordnung - mach einfach ein Mischtraining! Solange Du Dich in irgendeiner Weise an die Achtsamkeit erinnerst und sie zur Basis Deines (Er)Lebens machst (ganz gleich in welcher Situation, wie lange und ob es klappt oder nicht), bist du auf dem Pfad und praktizierst.

 

Hör auf Dir einen Kopp darüber zu machen, ob du gerade richtig praktizierst. Mach einfach was gerade geht und sei es bewusst und achtsam Joggen zu gehen - du atmest bewusst, spürst deinen Körper, riechst den Wald und den Regen... bist ganz präsent. Ich wünsche Dir von Herzen viel Freude dabei.

 

Deine Maren

 

(dieser Artikel wurde von Maren Schneider am 14. August 2017 veröffentlicht)